Heute war ich laufen. Als ich nach Hause kam, war mir seltsam übel. Hatte ich mich übernommen? Unwahrscheinlich eigentlich angesichts der Länge der Strecke und der Zeit, die ich auf ihr verbracht hatte. Sie glich dem Minimarathon der Grundschulkinder, und da hätte man mich vermutlich disqualifiziert, in Ermanglung einer Kriechspur. Dem Minimarathon habe ich als Begleitperson mal beigewohnt, Zehntausende fanatisch jubelnde Eltern, ein nach Bier riechender Sportlehrer und ich. 14 Kinder stellten wir an den Start, 13 kamen zurück. Panik: Wo war das restliche Kind? Welches war es überhaupt und wie sollten wir es inmitten all der Menschen wiederfinden? Hach ja, Gedränge – was waren das noch für Zeiten. Das fehlende Kind war ein Mädchen, hatte unterwegs Freundinnen getroffen und das Gespräch dem Wettkampf vorgezogen. Es gesellte sich mit etwas Verzögerung doch noch zu uns. Frauen, das kommunikative, leicht ablenkbare Geschlecht?

Wo war ich stehen geblieben… Ach ja. Also, ich trank etwas Wasser und überlegte: War ich irgendwo einem hustenden Spaziergänger zu nahe gekommen und die Übelkeit schon Vorbote der beginnenden Auseinandersetzung mit dem Virus? In Gedanken ging ich die Strecke durch, die ich hinter mich gebracht hatte, und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich war seekrank! Denn ich war die ganze Strecke in Schlangenlinien gelaufen. Links um die Weißhaarige herum, nach rechts um den Laufradrocker, dann wieder nach links, weil das nächste 70plus-Pärchen nahte, danach, wegen Großfamilieninvasion, ein Stück über die Wiese um den Baum herum, dann wieder um ein Pärchen herum, dann allerdings geradeaus, mitten zwischen zwei Freundinnen hindurch, weil diese, vorbildlich Abstand haltend, die linke und die rechte Seite vom Weg blockierten.

Im Park tobt in diesem Frühjahr das Leben! Normalerweise schlurfen, latschen und schnaufen hier Menschen in der zweiten Lebenshälfte auf den planierten Sandwegen. Wenige Radfahrer halten sich brav an alle Regeln, und die Einzigen, die den Altersdurchschnitt gelegentlich senken, sind Touristen mit Sonnenbrillen und türkische Brautpaare mit Fotografen im Schlepptau, selten dagegen sind Familien mit Kindern. Der Spielplatz ist lausig, und man muss durch den Park durch bis ganz hinten, viel Zeit für viele Strophen des „Ich kann nich mehr‟-Lieds.

Nun aber stürmt alles, was Beine hat, auf das Gelände. Links und rechts zischen an den Stammschlurfern Menschen vorbei, die ihre Kinder sein könnten oder tatsächlich sind, und ihr Leben bisher vorzugsweise in geschlossenen Räumen verbracht haben. Anfangs habe ich mich gewundert, warum sie bei relativ milden Temperaturen noch mit Mützen rannten, bis mir mein Mitbewohner, ein Angehöriger dieser Altersklasse, verriet, dass sonst die In-Ear-Kopfhörer aus den Ohren fallen.

Diese jungen Leute haben sich in ihrem vorigen Leben in Studios gestählt und bringen ganz neue Sitten und Gebräuche in den Park. Zum Beispiel: Sehen und Gesehen werden. Es gibt wirklich große Wiesen, aber die neuen Parknutzer lassen sich direkt vorne, an den Hauptwegen, auf winzigen Rasenstückchen nieder, um dort vor aller Augen Sit-Ups zu machen – ich gestehe, ich verlangsamte mein Lauftempo – oder sich kichernd in Gymbändern zu verheddern – hier erhöhte ich das Tempo. Was ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte: Handstand! Ich wusste gar nicht, dass das noch einer kann. Froh, meine Runden ohne Pausen geschafft zu haben, passierte ich schließlich am Ausgang einen Mitsportler, der ohne Pause aus dem Stand beidfüßig auf eine Bank und wieder herunter sprang, und wieder rauf und wieder runter, und sich dabei noch mit einer zuschauenden Begleiterin unterhielt. Auch sowas hatte ich noch nicht gesehen, und wenn doch, ist es so lange her, dass ich es vergessen habe. Vom bloßen Hinsehen schon erschöpft, fiel ich in eine Sinnkrise und musste den Rest des Weges gehen.

Vor ein paar Jahren gab es übrigens schon einmal einen plötzlichen Ansturm neuer Parknutzer. Scharenweise bevölkerten junge Menschen Wege, Wiesen, Bänke. Im herrlichsten Abendsonnenschein im Frühsommer saßen sie am Brunnen im Barockgarten und an der Treppe zum Teich. Gut, sie hatten alle ihre Smartphones dabei und schauten mehr auf dessen Monitore als in den Abendhimmel. Aber sie waren draußen! So viele junge Menschen, die einen schönen Abend zu schätzen wussten! Beglückt legte ich zwei Extrarunden auf meinen Lauf oben drauf und spurtete dann nach Hause, um meinem damals noch sehr jugendlichen Mitbewohner, dessen Blässe mich täglich mit meinem Versagen als Erziehungsberechtigte konfrontierte, zu berichten, dass und wo ich seine Peergroup erspäht hatte: Draußen, im Park!
Er verdrehte die Augen und schlug sich die Hand vors Gesicht. „Mama!‟, stöhnte er.
„Was?‟
„Das ist Pokémon GO.‟
„Hä?‟
„Die spielen Pokémon GO. Ein Spiel.‟
Pokémon hatte ich schonmal gehört, konnte aber keinen sinnvollen Bezug zu dem Treiben im Park aufbauen.
„Da sucht man Pokémons‟, versuchte er zu erklären.
„Im Park? Wo sollen denn da Pokémons sein? Ich hab keine gesehen. Außerdem sitzen die Leute da bloß rum…‟
„Das ist ein Handygame!‟, sagte er, und so ging es noch ein bisschen weiter, aber dann verstand mein armes kleines Gehirn doch, dass es nicht der Abendhimmel war, der die jungen Menschen an die frische Luft trieb, sondern der Spielhersteller Nintendo mittels virtueller Schnitzeljagd. Welch Ernüchterung!

Inzwischen ist das Spiel längst von den Bildschirmen verschwunden. Und die diesjährigen jungen Leute aus dem Park übrigens auch, denn die Fitnessstudios haben wieder auf. Schade eigentlich.