Ein Kilo Buch, bitte

Ohne Bücher wären wir ärmer, aber viele Autoren reicher. Selten stehen Ehre und Einkommen in einem solchen Missverhältnis wie bei Buchautoren. Und das, obwohl Bücher schreiben so viel Arbeit macht, wie ich selber weiß! Man denkt und tippt und grübelt und löscht und dann tippt man wieder, monatelang, manchmal jahrelang, und dann kommt trotzdem nicht genug Geld aufs Konto. Es ist wirklich ungerecht, und deshalb schäme ich mich immer sehr, wenn ich obendrein noch bar jeder Solidarität mit darbenden Textschaffenden ein Buch gebraucht kaufe, sogar im Internet, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, wo oft das Porto das teuerste an dem ganzen Deal ist.

Trotz dieser meiner verwerflichen Haltung habe ich es aber nun fertiggebracht mich zu empören, und zwar beim Gebrauchtbuchladen um die Ecke. Man soll ja nicht so viel im Internet kaufen, sondern ins Geschäft gehen, damit die kleinen Händler auch was abkriegen! Also beschloss ich, den Laden auszuprobieren. Allerdings führt ihn gar kein echter Buchhändler (die haben hier in den letzten Jahren alle dicht gemacht), sondern es handelt sich um ein soziales Projekt für Menschen, die nach längerer Krankheit eine Struktur brauchen, um wieder Fuß zu fassen. Es wird subventioniert, und die Bücher kommen über Spenden rein. Deshalb muss der Laden sich nicht rechnen und werden die Bücher genauso billig verkauft wie manchmal im Internet, bloß ohne Porto. Macht ja nichts, oder? Oder vielleicht doch? Ich fand jedenfalls schon nach kurzem Stöbern ein Buch einer Autorin meines Vertrauens, von der ich weiß, dass sie weiß, worüber sie schreibt, und begab mich beglückt zum Kassierer, um zu fragen, was das Werk denn kosten solle.

Der Mann schlug nicht etwa das Buch auf oder drehte es, um den Preis zu suchen, sondern er legte das Buch auf die hässliche Digitalwaage auf seinem Tresen und sagte zu mir: „Das Kilo 2 Euro.“

Völlig verdutzt schaute ich erst ihn an, dann die Waage, dann schlug mich das Kaufgeschehen in seinen Bann und ich starrte auf das Display, weil ich keine Ahnung hatte, wie schwer so ein Buch ist. Dann war ich erleichtert, weil es nur ein Pfund wog. Und dann, als ich „ok“ gesagt hatte und das Portemonnaie rauskramte, kam der Schmerz. Ich dachte an die Nöte der Autorin dieses Buches, um die ich wusste, an die Millionen Zeichen, die ich selbst schon getippt hatte, an das Gehirnschmalz, das zwischen all den Milliarden Bücherseiten dieser Welt klebt. Und jetzt wurden die Bücher hier abgewogen wie Tomaten? Und ich stand hier und kaufte das. Ich Mitläuferin! Ich raffte mich auf und die Kraft meines Alters zusammen und ließ einen Oberlehrerinnentadel los: „Bücher abwiegen, das macht man nicht!“

Der Mann atmete erschrocken ein und aus und sagte dann, lange hätten sie die Preise nach Einband gestaltet. Hardcover 1 Euro, Paperback 50 Cent. Das wär ihnen aber irgendwie ungerecht vorgekommen, weil es ja auch größere Taschenbücher und kleinere Hardcover gibt, und deshalb würden sie die Bücher jetzt abwiegen.

Was sollte ich dazu sagen? „Können Sie nicht wenigstens nach Seitenzahlen berechnen“, war alles, was mir einfiel. Der Mann starrte mich ausdruckslos an. Ich packte das Buch ein. Als ich aus dem Laden stolperte, wusste ich, wer auch immer diese Welt rettet, ich würde es nicht sein.

In der Bibliothek

Ich wusste gar nicht, dass Karl Marx noch lebt, aber ich habe ihn gesehen! Wirklich! Ein Mann um die 70, mit schulterlangen weißen Haaren und einem ebenso langen weißen Bart. Falls ihn jemand sprechen möchte, kann ich einen Tipp geben, in welcher Berliner Bibliothek er eventuell anzutreffen ist. Da habe ich mich nämlich heute mit einer geschätzten Kollegin zwecks Tapetenwechsel zum Schreiben im Lesesaal getroffen.

Das Publikum in dieser Bibliothek bot eine nette Abwechslung zu den Freelancern, auf die man sonst in den Coworking-Spaces trifft. Ich hatte hauptsächlich Studierende erwartet, und ein paar gab es auch. Aber eben auch den besagten Karl Marx und noch eine ganze Reihe weiterer älterer Herren. Es war keine wissenschaftliche Bibliothek, vermutlich haben sie sich also irgendwelchen Privatinteressen gewidmet? Seltsamerweise war von der Generation 60+ nur die männliche Seite vertreten. Gucken Frauen lieber Fernsehen? Oder waren sie alle schon mit den Vorbereitungen für Demos oder Partys des morgigen internationalen Frauentages beschäftigt?

Schräg gegenüber saß ein junger Mann, der scheinbar ruhig las, aber unter dem Tisch so heftig mit dem linken Bein vibrierte, dass ich mir fast Sorgen um seinen Stuhl machte. Drei Tische weiter nutzte eine junge Frau ihren Bücherstapel, um den Kopf darauf abzulegen und ein Mittagsschläfchen zu halten. Am Nachbartisch setzten sich zwei sehr junge Frauen nebeneinander, die unentwegt flüsterten und kicherten. Erst wollte ich mit ihnen meckern, aber dann sah ich an einer Säule einen Automaten, der Ohrstöpsel spuckte, und da musste ich selber auch kichern. „Entspann dich“, sagte ich zu mir, stützte in Ermanglung eines Bücherstapels meinen Kopf in die Hand und ließ mich in einen schönen Schlaf sinken.

Leseförderung

Nicht nur Kinder, auch Erwachsene lesen zu wenig!

Häufig höre ich in letzter Zeit von den über 50-Jährigen, sie fänden „irgendwie“ keine guten Bücher mehr. In ihrer Jugend war das natürlich ganz anders, da haben sie Bücher nur so verschlungen! (Damals hatten die Tage 60 Stunden. Deshalb konnte man dauernd lesen und schaffte es trotzdem, viel zu arbeiten, wilde Orgien zu feiern und in der Natur zu sein. Und man hatte immer noch Zeit zum Ausruhen übrig. Ja, das waren noch Zeiten.)  Ich weiß allerdings nicht, ob die über 50-Jährigen die guten Bücher nicht finden, weil es heutzutage keine guten Bücher mehr gibt und sie sowieso durch die Lektüreexzesse ihrer Jugend noch so übersättigt sind. Oder ob sie die guten Bücher nicht finden, weil sie vergessen haben, wo sie sie hingelegt haben, ein Schicksal, das ihre Brille mit den Büchern teilt, was die Chancen auf Wiederauffindung auf den Nullpunkt senkt?

Bei Menschen unter 50 ist die Sache klarer, wie ich selbst bestätigen kann: Sie pausieren lesemäßig ein Jahrzehnt, weil sie sehr schlecht sehen, aber keine Brille tragen wollen.

Menschen unter 40 könnten ihre Bücher finden, könnten auch die Buchstaben entziffern und kennen noch nicht alles. Leider haben sie keine Zeit zum Lesen, weil sie Karriere machen oder Kinder betreuen, was zu grässlichen Anspannungen führt.

Und die unter 30-Jährigen – ach, die jungen Leute, das wissen wir, lesen ja sowieso gar nichts mehr.

Ausbaden müssen das die Allerkleinsten, Zielgruppe von Heerscharen von Vorlesern, die, bewaffnet mit Büchern, ihre Schulen und Kindergärten stürmen auf der Suche nach leuchtenden Augen und Nahrung für ihre Hoffnung, das Abendland doch noch retten zu können. Wenn man ihnen jetzt vorliest, den Kleinen, dann lesen sie bestimmt auch ganz viel, wenn sie groß sind! Sieht man ja an sich selbst, nicht wahr.

Kürzlich habe ich zu dieser Form der Leseförderung eine Alternative entdeckt, die unglaublich wirksam ist: Reden! Vorträge halten, referieren, ellenlange Statements absondern, mit möglichst viel Akribie und Detailversessenheit Sachverhalte darstellen, zu denen freiwillig niemand jemals eine Frage gestellt hätte. Je länger, desto besser!

Man kann dem solchermaßen wehrlos ausgelieferten Publikum nämlich nun jedes beliebige Texterzeugnis austeilen: Es wird es lesen! Von der Packungsbeilage der Kopfschmerztabletten über den Fahrzeugschein, die eigene Visitenkarte, den Kassenbon aus der Postfiliale und den Flyer zur Organspende bis zum Programmheft der Veranstaltung gibt es nichts, was die Leute in so einer Situation nicht verschlingen, mit oder ohne Brille, mit tränenden Augen, mit zusammengekniffenen Augen, mit lang ausgestreckten Armen, mit ausgeliehener Brille des Sitznachbarn – egal. Hauptsache, der Monotonie des Vortrags entkommen! Hauptsache, irgendwie senkrecht bleiben!

Man muss ihnen doch mal danken, den Langweilern unter den Rednern, sie leisten doch was. Nur eben im Verborgenen.

Die Sache mit dem t

Haushalt macht ja keiner gern, alle sind angeblich so cool in puncto Unordnung und Dreck, aber wenn das stimmen würde, hätte mich doch irgendjemand mal warnen können, dass man eine Tastatur besser nicht mit dem Staubsauger reinigt? Ahnungslos jedenfalls saug ich über die Tasten, und schwupp, sind das r und das t im Rohr verschwunden und müssen mühsam und eklig aus dem Beutel gefischt werden.

Das r lässt sich nach Säuberung mühelos wieder aufstecken, aber das t will einfach nicht mehr einrasten. Es liegt nun lose auf der Tastatur, was beim Tippen natürlich nervt. Da muss ich mich schnell drum kümmern, aber was soll ich tun, sonntags? Schreib ich also mit abbem t, lege die Taste gleich beiseite, bevor sie sich noch unter der 5 oder dem g verklemmt. Auf den bloßen Gummihubbel drücken geht auch, ich erwarte nichtsdestotrotz arbeitstempo- und nervenmäßig eine Katastrophe.

Doch die bleibt aus. Das t ist gar kein so häufiger Buchstabe wie befürchtet! Klar, es kommt hier und da schon vor, aber erstaunlich viele Wörter schreiben sich ohne t: und oder auch um in der die das ein eine kommen gehen sagen spielen… Vielleicht kommt das t deshalb nicht so oft zum Zuge, weil der Infinitiv im Deutschen auf –en endet und der Nominalstil meist mit der Endsilbe –ung gebildet wird ? Und: Wen juckt’s?

Naja, die Zehnfingerschreiber natürlich. Das t befindet sich sozusagen auf der Pole-Position beim Zehnfingerschreiben, es wird vom linken Zeigefinger bedient, und in optimalem Winkel, also nahezu mühelos. Da wird man wohl mal fragen dürfen, ob das gerechtfertigt ist, wenn man durch einen unglücklichen Zufall darauf aufmerksam wird. Warum ist da nicht das a, das vom linken kleinen Finger getippt wird? Vokale kommen häufig vor. Das o ist noch schlimmer, man muss mit dem ungelenkigen Ringfinger in die obere Zeile tippen. Also, wenn mal Zeit ist, vielleicht erfinde ich dann eine neue Tastatur. Nein, erst kleb ich das t wieder an. Also, wenn mal Zeit ist, es geht ja auch so, besser als gedacht.

Neulich im Forum

„Kann mir jemand sagen, wie das mit der Umsatzsteuer ist, wenn ich Belgien arbeite?“, fragte neulich im Forum ein Kollege.

Puh, schwierig. Ich legte meine Stirn in Falten, um die Hirntätigkeit anzuregen. Der Wechsel des Gesichtsausdrucks soll sich ja auf die inneren Organe auswirken, habe ich mal gelesen. Demnach erzeugt beispielsweise ein Lächeln gute Laune.

Ich faltete noch mein Gesicht, da kam schon die erste Antwort.

Der User schrieb: „Bin grad auf dem Sprung zum Termin! Aber interessante Frage!“

In meinem Gehirn war noch alles still. Vorsichtig neigte ich den Kopf nach rechts, um etwas Reibung zu erzeugen.

Da, die zweite Antwort: „Ich hab mal in Frankreich gearbeitet, da gibt es auch Umsatzsteuer“, schrieb die Userin. „Leider ist mir entfallen, wie das damals war. Ich kann aber gerne nochmal nachschauen. Nur ist es momentan leider etwas ungünstig, ich sitze an einem Angebotstext, der bis morgen raus muss.“

Ich neigte meinen Kopf nach links. Belgien, hm…

„Belgien kenn ich gut, da hab ich schonmal Urlaub gemacht. Zu dem Umsatzsteuerproblem könnte ich dir einen Buchtipp raussuchen. Soll ich? Diese Woche wird das allerdings nichts mehr, ich fliege gleich nach Basel“, schrieb einer.

Ich war lange nirgends mehr hingeflogen. Im Forum hagelte es jetzt Antworten.

„Hey, wie geht’s? Wann warst Du denn in Belgien? Zur Umsatzsteuer kann ich dir leider gar nichts sagen, davon hab ich keine Ahnung. Aber Mensch, das ist ja total schön, mal wieder was von Dir zu lesen! Gehe jetzt duschen.“

„Hallo, Du fragst genau das, was ich letztes Jahr auch klären musste. Ich schreibe zur Zeit ein Buch über die Spanischkenntnisse der Töchter von Züchtern mongolischer Rennmäuse und hab total wenig Zeit, aber das wird nächsten Monat fertig, und dann melde ich mich nochmal ganz ausführlich, ja? Bis dann!“

„Die Matheaufgaben von meinem Sohn liegen noch auf meinem Schreibtisch, außerdem muss ich den Geburtstagssprengsatz für meine Schwiegermutter basteln. Und mein Mann hat Hunger! Stress! Deshalb nur ein schneller Tipp: Frag doch mal jemanden, der sich auskennt!“

„Du, tut mir leid, bei mir ist grad Rauch auf dem Dachboden, die Kinder spielen da oben, gleich klingelt die Feuerwehr, muss aufmachen. Aber deine Frage ist spannend. Ich lass die rein und melde mich wieder, ja?“

Belgien – jetzt fiel es mir wieder ein, da hatte ich mal einen Workshop geleitet, und mit der Umsatzsteuer war es gar nicht so schwierig gewesen. Hey, das konnte ich erklären! Doch dann las ich die nächste Antwort:

„Belgien und Umsatzsteuer! Können wir für solche Themen bitte endlich ein Unterforum anlegen? Wann bitte soll ich denn hier die ganzen Fragen und Antworten lesen? Leute, ich kann es mir nicht leisten, mich den ganzen Tag durch so eine Postingflut durchzuwühlen. Ich muss arbeiten! Ich habe zu tun!“

Arbeiten! Zu tun haben! Keine Zeit! Da war ich ja gerade noch an der Totalblamage vorbeigeschrammt. Ich schämte mich in Grund und Boden ob meiner peinlichen Idee, die Umsatzsteuerfrage einfach zu beantworten, und loggte mich ganz schnell aus.

(Erstmals veröffentlicht auf texttreff.de)

Chinesisch kann ich längst

Lange Zeit habe ich mich unterschätzt. Ahnte nicht, wie genial ich bin. Dabei kann ich, was andere Menschen hierzulande erst mühsam lernen müssen: Chinesisch.

Angeblich ist das ja eine derart schwierige Sprache, dass man sie bereits im Kindesalter lernen muss, wenn die grauen Zellen noch Reibung haben. Es soll schon Kurse für Dreijährige geben. Stimmt das eigentlich? Als Augenzeugin kann ich das nicht bestätigen. Wohl aber kenne ich Oberschulen, die Chinesisch in ihrem Lehrangebot präsentieren.

Während sich nun also irgendwelche Schüler mit der zukunftsträchtigen Fremdsprache abplagen müssen, ist mir die Sache einfach zugeflogen. Ja, ich kann Chinesisch! Fast hätte ich das gar nicht gemerkt. Ich sprach nämlich Chinesisch, ohne es zu wissen. Klingt komisch, geht aber. Das Licht ging mir auf, weil sich Situationen häuften, in denen ich etwas sagte, und einfach keine Reaktion kam. Überhaupt keine. Erst glaubte ich an einen Hörschaden meines Kommunikationspartners. Ich zog auch die berüchtigten Aufmerksamkeitsdefizite als Ursache für die Reaktionslosigkeit in Betracht. Doch dann dämmerte es mir: Was ich für deutsche Sätze hielt, ist in Wirklichkeit reinstes Chinesisch. Es sind nämlich immer die gleichen Sätze, die nicht funktionieren, während alles mögliche andere vollkommen störungsfrei wahrgenommen wird.

Beispiele gefällig?

„Geh bitte Zähneputzen.“

„Räum bitte endlich deine Socken vom Tisch.“

„Mach jetzt deine Hausaufgaben.“

Nicht ein Wimpernzucken hat mein Kommunikationspartner für diese Sätze übrig! Probieren Sie sie doch mal nachzusprechen. Es sind gar nicht so schreckliche Brecher für europäische Zungen, wie man vom Chinesischen immer behauptet. Vielleicht können Sie auch bald Chinesisch? Mein Kommunikationspartner, dessen Ignoranz ich die Entdeckung meines Sprachtalents verdanke, scheint jedenfalls inspiriert: Er macht inzwischen erste zaghafte eigene Versuche mit der neuen Sprache. Er sagt immer wieder:

„Gleich“. Oder auch „Ja gleich“.

Was das wohl heißt? Ich verstehe es nicht. Wie auch immer, das nächste Ziel ist wohl, dass mein Kommunikationspartner und ich Chinesisch nicht länger nur sprechen, sondern dass wir auch lernen, es zu verstehen.

Rettet den Zettel!

Auch wenn oft und gern über den Verfall unserer Sprachkultur gejammert wird: Die Schriftlichkeit erlebt ein goldenes Zeitalter. Nie war so viel Schrift wie heute. Jeder schreibt. Selbst Menschen, die früher lieber grunzten, bloggen, mailen, posten, twittern, smsen heute. Jede kleine Äußerung, sei sie noch so unbedeutend, wird getippt. Größere (nicht gleichzusetzen mit bedeutendere) Äußerungen landen auf Webseiten, Flyern, in Newslettern, in Hochglanzmagazinen. Seit Texte dank der Digitalisierung aufwandsarm veröffentlicht werden können, ist ihrer Flut kein Einhalt mehr zu bieten.

Bloß einer bleibt dabei auf der Strecke: der Zettel. Wer das nicht glaubt, gebe einmal einer beliebigen Anzahl Kinder ein Blatt Papier für die Eltern mit, deren untere Hälfte per Abtrennung in einen Zettel zu verwandeln und zurückzugeben ist, versehen mit Auskünften wie: „Mein Kind kann in den Herbstferien zum Training kommen“ oder „Mein Kind nimmt am Ferienlager teil und bringt einen Bademantel mit“ oder „Mein Kind bestellt Erdbeermilch“. Egal, wie viele Schriftstücke dieser Art verteilt werden: Höchstens ein Drittel der erwarteten Zettel kommt zurück. Die anderen Zettel kann man entweder am Ende des Schuljahres als verklebte weißliche Masse vom Boden des Schulrucksacks abkratzen. Oder sie finden sich beim Auszug aus der Wohnung hinter dem Kühlschrank. Einige verdrücken sich ungesehen ins Altpapier. Die restlichen Zettel werden zwar ordentlich und sichtbar auf dem Tisch an der für zu Erledigendes vorgesehen Stelle abgelegt. Doch bleiben sie dort liegen. Entweder, weil ihre Adressaten ihren Plan „Ich setz mich heute abend hin und versuche, diese umständlich formulierten Anweisungen in der Sprache, die nicht meine ist, zu verstehen“, zu lange aufschieben. Oder weil sie zu lange mit der Frage ringen: „Soll ich den Zettel wirklich abgeben? Ist das nicht völlig uncool? Keiner gibt doch diese Zettel ab.“

Zugegeben, solange es um Erdbeermilch und Bademäntel geht, ist es von begrenzter Tragik, wenn Zettel ignoriert werden. Anstrengender wird es, wenn die Sprösslinge mit vollgepackten Schultaschen statt leichtem Rucksack zum Wandertag aufbrechen, ohne Schwimmzeug ins Hallenbad gehen, oder wenn morgens um 8.10 Uhr hysterische Eltern anrufen: „Wusstest du, dass heute die Schule zu ist? Kann Finn-Frederik vielleicht heute zu euch…?“

Leichtfertige Gemüter mögen weiterschmunzeln, doch über das Schicksal verschlafener Schulkinder und schusseliger Eltern hinaus kann auch mal das Schicksal eines ganzen Landes auf einem Zettel stehen.

Oder war es etwa nicht ein Z e t t e l, was Günter Schabowski auf jener legendären Pressekonferenz am 9. November 1989 aus der Tasche zog? Und wovon er etwas ablas, was weder er selbst noch sonst jemand verstand, was aber Stunden später ein paar Journalisten im Westfernsehen inspirierte, zu beschließen und verkünden, die Mauer sei jetzt auf?

Und bitte jetzt nicht mit „Ausnahme“ kommen. Sommer 2006, Olympiastadion Berlin, sage ich nur. Wieder lenkte ein Z e t t e l das Schicksal unserer Nation. Diesmal war es Jens Lehmann, der ihn aus dem Stutzen zog und las. Offensichtlich verstand er ihn, denn er hielt anschließend zwei Elfmeter gegen Argentinien, was uns den Einzug ins Halbfinale der Fußballweltmeisterschaft brachte.

Also bitte: Rettet den Zettel! Man weiß nie.

Was für’s Herz: Nobelpreise

Alle Welt fiebert ja, wer wohl die Nobelpreise bekommt. Na gut, vielleicht nicht bei jedem Preis – zugegeben, bei Medizin oder Chemie sind wir eher überrascht: Was, schon wieder neue Preisträger? Ist schon wieder ein Jahr rum? Das sind halt auch die ersten beiden Preise, zum Wachrütteln sozusagen. Volle Aufmerksamkeit genießen dann aber der Literatur- und der Friedensnobelpreis, wahrscheinlich, weil sie später dran kommen.

Jedenfalls ist der Literaturnobelpreis ein echter Höhepunkt. Für die Fachwelt und die Patrioten, und für die Kulturwelt natürlich sowieso. Aber auch für das Laienpublikum! Da wetteifert nämlich das Sportlerherz mit dem Reporterherz, wer schneller schlägt.

Im Radio sagt der Moderator schon frühmorgens an, dass um 13 Uhr der Preisträger bekanntgegeben wird. Ab etwa 12.55 Uhr kommt kaum noch ein gerader Satz über die Lippen der Kulturredakteurin – zu ärgerlich aber auch, dass ihre Kultursendung immer fünf Minuten vor der vollen Stunde kommt, warum kann sie nicht mal fünf Minuten danach kommen, hrrrgl. Dann die Nachrichten! Punkt 13 Uhr! Der Nachrichtensprecher informiert direkt life: „Es liegt uns noch keine Eilmeldung vor!“ (Um 13 Uhr wird nämlich in Stockholm erst die Tür geöffnet, da ist noch nix gesprochen). Na gut. Also erstmal eine andere Meldung! Dann noch eine! Aber da kommt sie, die Eilmeldung: Heraus damit, sofort, Radiohörer wollen immer ganz aktuell informiert werden, bestimmt schalten sie schon unablässig zwischen dreißig Sendern hin und her, weil sie es nicht mehr erwarten können! Nicht auszudenken, wenn’s woanders schon zuerst zu hören wär; die aktuelle Meldung wird also mitten im Satz unterbrochen – für: Herta Müller!

Herta Müller.

Während das Reporterherz jubelnd über die Ziellinie taumelt, schlägt das Sportlerherz auf, und zwar den Boden. Herta Müller, eine tolle Wahl, ganz sicher. Bloß ist das schon wieder eine, die man nicht kennt! Aus sportlicher Sicht heißt das: wieder verloren! Wieder dieses miese Gefühl, eine dumpfbackige Bildungslusche zu sein, und wenn man mal was liest, dann ist es nie von einem Autor, der danach den Nobelpreis gewinnt! Menno.

Zum Glück gibt es am nächsten Tag den Friedensnobelpreis. Der dient nicht nur dem Welt- sondern erst recht dem inneren Frieden. Den Preisträger kennt nämlich wirklich jeder: Barack Obama. Deshalb gibt es auch so viel Gemecker – endlich können alle mal mitreden.

Bücher sind toll. Auch für Heimwerking

Neulich klingelte der Postbote und brachte mir fünf Bücher, die ich nicht bestellt hatte. Ich nahm sie trotzdem, denn ich habe sie selbst geschrieben. Nehme ich jedenfalls an. Es sind koreanische Bücher, mit koreanischen Schriftzeichen, die ich nicht entziffern kann. Ganz oben links steht „I enjoy working alone“, woraus ich schließe, dass es sich um übersetzte Exemplare meines Werkes „Kollege Ich. Die Kunst, allein zu arbeiten“ handelt. Nachdem ich innerlich den Hut gezogen hatte vor der Weltoffenheit des koreanischen Publikums (ich habe umgekehrt leider noch nichts Koreanisches gelesen), fragte ich mich, wohin jetzt damit?

Das für Bücher vorgesehene Regal war voll. Ein Buch ging schon noch irgendwo rein, aber fünf? Verschenken schied auch aus, weil ich keinen kenne, der koreanisch kann. Ich zog schon ernsthaft die blaue Tonne im Hof als geeigneten Aufbewahrungsort in Betracht – da rollte mir mein Lieblings-Kugelschreiber unter das Sofa. Das war gut!

Unter dem Sofa nämlich stieß ich auf einen ganzen Stapel alter Bücher. Kein Zeugnis von Schlamperei, sondern Einfallsreichtum vergangener Tage: Der Stapel bewahrte das Sofa davor, in der Mitte durchzubrechen. Schlagartig fiel mir wieder ein, wie nützlich Bücher für des Heimwerkens unkundige Heimwerker sind.

Bücher sind biegsam und zugleich stabil, es gibt sie in unzähligen Längen, Breiten und Stärken. Sie müssen nicht zurechtgesägt werden, sie splittern nicht, und sie kosten nichts. Weil man sie ja schon hat.

Die koreanischen Bücher klemmen jetzt zwischen dem Pfosten eines Bettes und einer Wand und verhindern das Weiterrutschen dieses Bettes im Zimmer auf glattem Boden. Andere Bücher bewahren Fenster und Türen vor dem Zuschlagen bei Durchzug. Leporellos geben eine prima Umrandung für einen Spielzeugzoo her, so spart man sich das zeitraubende Bauen aus Lego oder Klötzen. Schenkt den Kindern Leporellos, Leute! Man kann mit Büchern auch Rampen für Spielzeugautos machen, kippelnde Tische stabilisieren, Laptops schräg stellen, Stühle erhöhen oder Podeste bauen. (Bloß falls sich jemand in der Bildungsdebatte über die Vorzüge des Buches engagieren möchte.)

Im Bücherregal sind jetzt wieder große Lücken. Bücherstützen wären jetzt gut, aber klar: Bücher stützen, das geht natürlich auch mit Büchern!

Ein tolles Wort: Prokrastidingsda

Ich prokrastiniere. Sprechen Sie das mal: „Ich proka…

prokratz…

po…kratz…“ – Äh, nun ja, auch so kann man sich beschäftigen, wenn man gerade etwas vor sich herschiebt. Doch zum Glück kommt der Begriff „prokrastinieren“ nicht von diesem uneleganten Zeitvertreib, sondern aus dem Englischen (sagt da noch jemand was gegen Anglizismen?). Es ist das derzeit angesagte Fremdwort für die leidige Angewohnheit, Dinge aufzuschieben. Wenn man es auszusprechen schafft, klingt „prokrastinieren“ deutlich cooler als „Ich trödel rum“, oder „Ich drücke mich mal wieder“.

Es ist ein tolles Wort, noch toller, als man erst denkt, und zwar gerade weil es so schwer auszusprechen ist. Wenn es nämlich dann mal jemand fehlerfrei über die Lippen bringt –

„Was machst du grade?“ – „Ich prokrastiniere“

– dann klingt das doch sowas von souverän und gekonnt. Da hat jemand sein Leben im Griff, zweifellos.