Die Schlampe und das t

Haushalt macht ja keiner gern, alle sind angeblich so cool in puncto Unordnung und Dreck, aber wenn das stimmen würde, hätte mich doch irgendjemand mal warnen können, dass man eine Tastatur besser nicht mit dem Staubsauger reinigt? Ahnungslos jedenfalls saug ich über die Tasten, und schwupp, sind das r und das t im Rohr verschwunden und müssen mühsam und eklig aus dem Beutel gefischt werden.

Das r lässt sich nach Säuberung mühelos wieder aufstecken, aber das t will einfach nicht mehr einrasten. Es liegt nun lose auf der Tastatur, was beim Tippen natürlich nervt. Da muss ich mich schnell drum kümmern, aber was soll ich tun, sonntags? Schreib ich also mit abbem t, lege die Taste gleich beiseite, bevor sie sich noch unter der 5 oder dem g verklemmt. Auf den bloßen Gummihubbel drücken geht auch, ich erwarte nichtsdestotrotz arbeitstempo- und nervenmäßig eine Katastrophe.

Doch die bleibt aus. Das t ist gar kein so häufiger Buchstabe wie befürchtet! Klar, es kommt hier und da schon vor, aber erstaunlich viele Wörter schreiben sich ohne t: und oder auch um in der die das ein eine kommen gehen sagen spielen… Vielleicht kommt das t deshalb nicht so oft zum Zuge, weil der Infinitiv im Deutschen auf –en endet und der Nominalstil meist mit der Endsilbe –ung gebildet wird ? Und: Wen juckt’s?

Naja, die Zehnfingerschreiber natürlich. Das t befindet sich sozusagen auf der Pole-Position beim Zehnfingerschreiben, es wird vom linken Zeigefinger bedient, und in optimalem Winkel, also nahezu mühelos. Da wird man wohl mal fragen dürfen, ob das gerechtfertigt ist, wenn man durch einen unglücklichen Zufall darauf aufmerksam wird. Warum ist da nicht das a, das vom linken kleinen Finger getippt wird? Vokale kommen häufig vor. Das o ist noch schlimmer, man muss mit dem ungelenkigen Ringfinger in die obere Zeile tippen. Also, wenn mal Zeit ist, vielleicht erfinde ich dann eine neue Tastatur. Nein, erst kleb ich das t wieder an. Also, wenn mal Zeit ist, es geht ja auch so, besser als gedacht.

Neulich im Forum

„Kann mir jemand sagen, wie das mit der Umsatzsteuer ist, wenn ich Belgien arbeite?“, fragte neulich im Forum ein Kollege.

Puh, schwierig. Ich legte meine Stirn in Falten, um die Hirntätigkeit anzuregen. Der Wechsel des Gesichtsausdrucks soll sich ja auf die inneren Organe auswirken, habe ich mal gelesen. Demnach erzeugt beispielsweise ein Lächeln gute Laune.

Ich faltete noch mein Gesicht, da kam schon die erste Antwort.

Der User schrieb: „Bin grad auf dem Sprung zum Termin! Aber interessante Frage!“

In meinem Gehirn war noch alles still. Vorsichtig neigte ich den Kopf nach rechts, um etwas Reibung zu erzeugen.

Da, die zweite Antwort: „Ich hab mal in Frankreich gearbeitet, da gibt es auch Umsatzsteuer“, schrieb die Userin. „Leider ist mir entfallen, wie das damals war. Ich kann aber gerne nochmal nachschauen. Nur ist es momentan leider etwas ungünstig, ich sitze an einem Angebotstext, der bis morgen raus muss.“

Ich neigte meinen Kopf nach links. Belgien, hm…

„Belgien kenn ich gut, da hab ich schonmal Urlaub gemacht. Zu dem Umsatzsteuerproblem könnte ich dir einen Buchtipp raussuchen. Soll ich? Diese Woche wird das allerdings nichts mehr, ich fliege gleich nach Basel“, schrieb einer.

Ich war lange nirgends mehr hingeflogen. Im Forum hagelte es jetzt Antworten.

„Hey, wie geht’s? Wann warst Du denn in Belgien? Zur Umsatzsteuer kann ich dir leider gar nichts sagen, davon hab ich keine Ahnung. Aber Mensch, das ist ja total schön, mal wieder was von Dir zu lesen! Gehe jetzt duschen.“

„Hallo, Du fragst genau das, was ich letztes Jahr auch klären musste. Ich schreibe zur Zeit ein Buch über die Spanischkenntnisse der Töchter von Züchtern mongolischer Rennmäuse und hab total wenig Zeit, aber das wird nächsten Monat fertig, und dann melde ich mich nochmal ganz ausführlich, ja? Bis dann!“

„Die Matheaufgaben von meinem Sohn liegen noch auf meinem Schreibtisch, außerdem muss ich den Geburtstagssprengsatz für meine Schwiegermutter basteln. Und mein Mann hat Hunger! Stress! Deshalb nur ein schneller Tipp: Frag doch mal jemanden, der sich auskennt!“

„Du, tut mir leid, bei mir ist grad Rauch auf dem Dachboden, die Kinder spielen da oben, gleich klingelt die Feuerwehr, muss aufmachen. Aber deine Frage ist spannend. Ich lass die rein und melde mich wieder, ja?“

Belgien – jetzt fiel es mir wieder ein, da hatte ich mal einen Workshop geleitet, und mit der Umsatzsteuer war es gar nicht so schwierig gewesen. Hey, das konnte ich erklären! Doch dann las ich die nächste Antwort:

„Belgien und Umsatzsteuer! Können wir für solche Themen bitte endlich ein Unterforum anlegen? Wann bitte soll ich denn hier die ganzen Fragen und Antworten lesen? Leute, ich kann es mir nicht leisten, mich den ganzen Tag durch so eine Postingflut durchzuwühlen. Ich muss arbeiten! Ich habe zu tun!“

Arbeiten! Zu tun haben! Keine Zeit! Da war ich ja gerade noch an der Totalblamage vorbeigeschrammt. Ich schämte mich in Grund und Boden ob meiner peinlichen Idee, die Umsatzsteuerfrage einfach zu beantworten, und loggte mich ganz schnell aus.

(Erstmals veröffentlicht auf texttreff.de)

Chinesisch kann ich längst

Lange Zeit habe ich mich unterschätzt. Ahnte nicht, wie genial ich bin. Dabei kann ich, was andere Menschen hierzulande erst mühsam lernen müssen: Chinesisch.

Angeblich ist das ja eine derart schwierige Sprache, dass man sie bereits im Kindesalter lernen muss, wenn die grauen Zellen noch Reibung haben. Es soll schon Kurse für Dreijährige geben. Stimmt das eigentlich? Als Augenzeugin kann ich das nicht bestätigen. Wohl aber kenne ich Oberschulen, die Chinesisch in ihrem Lehrangebot präsentieren.

Während sich nun also irgendwelche Schüler mit der zukunftsträchtigen Fremdsprache abplagen müssen, ist mir die Sache einfach zugeflogen. Ja, ich kann Chinesisch! Fast hätte ich das gar nicht gemerkt. Ich sprach nämlich Chinesisch, ohne es zu wissen. Klingt komisch, geht aber. Das Licht ging mir auf, weil sich Situationen häuften, in denen ich etwas sagte, und einfach keine Reaktion kam. Überhaupt keine. Erst glaubte ich an einen Hörschaden meines Kommunikationspartners. Ich zog auch die berüchtigten Aufmerksamkeitsdefizite als Ursache für die Reaktionslosigkeit in Betracht. Doch dann dämmerte es mir: Was ich für deutsche Sätze hielt, ist in Wirklichkeit reinstes Chinesisch. Es sind nämlich immer die gleichen Sätze, die nicht funktionieren, während alles mögliche andere vollkommen störungsfrei wahrgenommen wird.

Beispiele gefällig?

„Geh bitte Zähneputzen.“

„Räum bitte endlich deine Socken vom Tisch.“

„Mach jetzt deine Hausaufgaben.“

Nicht ein Wimpernzucken hat mein Kommunikationspartner für diese Sätze übrig! Probieren Sie sie doch mal nachzusprechen. Es sind gar nicht so schreckliche Brecher für europäische Zungen, wie man vom Chinesischen immer behauptet. Vielleicht können Sie auch bald Chinesisch? Mein Kommunikationspartner, dessen Ignoranz ich die Entdeckung meines Sprachtalents verdanke, scheint jedenfalls inspiriert: Er macht inzwischen erste zaghafte eigene Versuche mit der neuen Sprache. Er sagt immer wieder:

„Gleich“. Oder auch „Ja gleich“.

Was das wohl heißt? Ich verstehe es nicht. Wie auch immer, das nächste Ziel ist wohl, dass mein Kommunikationspartner und ich Chinesisch nicht länger nur sprechen, sondern dass wir auch lernen, es zu verstehen.

Rettet den Zettel!

Auch wenn oft und gern über den Verfall unserer Sprachkultur gejammert wird: Die Schriftlichkeit erlebt ein goldenes Zeitalter. Nie war so viel Schrift wie heute. Jeder schreibt. Selbst Menschen, die früher lieber grunzten, bloggen, mailen, posten, twittern, smsen heute. Jede kleine Äußerung, sei sie noch so unbedeutend, wird getippt. Größere (nicht gleichzusetzen mit bedeutendere) Äußerungen landen auf Webseiten, Flyern, in Newslettern, in Hochglanzmagazinen. Seit Texte dank der Digitalisierung aufwandsarm veröffentlicht werden können, ist ihrer Flut kein Einhalt mehr zu bieten.

Bloß einer bleibt dabei auf der Strecke: der Zettel. Wer das nicht glaubt, gebe einmal einer beliebigen Anzahl Kinder ein Blatt Papier für die Eltern mit, deren untere Hälfte per Abtrennung in einen Zettel zu verwandeln und zurückzugeben ist, versehen mit Auskünften wie: „Mein Kind kann in den Herbstferien zum Training kommen“ oder „Mein Kind nimmt am Ferienlager teil und bringt einen Bademantel mit“ oder „Mein Kind bestellt Erdbeermilch“. Egal, wie viele Schriftstücke dieser Art verteilt werden: Höchstens ein Drittel der erwarteten Zettel kommt zurück. Die anderen Zettel kann man entweder am Ende des Schuljahres als verklebte weißliche Masse vom Boden des Schulrucksacks abkratzen. Oder sie finden sich beim Auszug aus der Wohnung hinter dem Kühlschrank. Einige verdrücken sich ungesehen ins Altpapier. Die restlichen Zettel werden zwar ordentlich und sichtbar auf dem Tisch an der für zu Erledigendes vorgesehen Stelle abgelegt. Doch bleiben sie dort liegen. Entweder, weil ihre Adressaten ihren Plan „Ich setz mich heute abend hin und versuche, diese umständlich formulierten Anweisungen in der Sprache, die nicht meine ist, zu verstehen“, zu lange aufschieben. Oder weil sie zu lange mit der Frage ringen: „Soll ich den Zettel wirklich abgeben? Ist das nicht völlig uncool? Keiner gibt doch diese Zettel ab.“

Zugegeben, solange es um Erdbeermilch und Bademäntel geht, ist es von begrenzter Tragik, wenn Zettel ignoriert werden. Anstrengender wird es, wenn die Sprösslinge mit vollgepackten Schultaschen statt leichtem Rucksack zum Wandertag aufbrechen, ohne Schwimmzeug ins Hallenbad gehen, oder wenn morgens um 8.10 Uhr hysterische Eltern anrufen: „Wusstest du, dass heute die Schule zu ist? Kann Finn-Frederik vielleicht heute zu euch…?“

Leichtfertige Gemüter mögen weiterschmunzeln, doch über das Schicksal verschlafener Schulkinder und schusseliger Eltern hinaus kann auch mal das Schicksal eines ganzen Landes auf einem Zettel stehen.

Oder war es etwa nicht ein Z e t t e l, was Günter Schabowski auf jener legendären Pressekonferenz am 9. November 1989 aus der Tasche zog? Und wovon er etwas ablas, was weder er selbst noch sonst jemand verstand, was aber Stunden später ein paar Journalisten im Westfernsehen inspirierte, zu beschließen und verkünden, die Mauer sei jetzt auf?

Und bitte jetzt nicht mit „Ausnahme“ kommen. Sommer 2006, Olympiastadion Berlin, sage ich nur. Wieder lenkte ein Z e t t e l das Schicksal unserer Nation. Diesmal war es Jens Lehmann, der ihn aus dem Stutzen zog und las. Offensichtlich verstand er ihn, denn er hielt anschließend zwei Elfmeter gegen Argentinien, was uns den Einzug ins Halbfinale der Fußballweltmeisterschaft brachte.

Also bitte: Rettet den Zettel! Man weiß nie.

Was für’s Herz: Nobelpreise

Alle Welt fiebert ja, wer wohl die Nobelpreise bekommt. Na gut, vielleicht nicht bei jedem Preis – zugegeben, bei Medizin oder Chemie sind wir eher überrascht: Was, schon wieder neue Preisträger? Ist schon wieder ein Jahr rum? Das sind halt auch die ersten beiden Preise, zum Wachrütteln sozusagen. Volle Aufmerksamkeit genießen dann aber der Literatur- und der Friedensnobelpreis, wahrscheinlich, weil sie später dran kommen.

Jedenfalls ist der Literaturnobelpreis ein echter Höhepunkt. Für die Fachwelt und die Patrioten, und für die Kulturwelt natürlich sowieso. Aber auch für das Laienpublikum! Da wetteifert nämlich das Sportlerherz mit dem Reporterherz, wer schneller schlägt.

Im Radio sagt der Moderator schon frühmorgens an, dass um 13 Uhr der Preisträger bekanntgegeben wird. Ab etwa 12.55 Uhr kommt kaum noch ein gerader Satz über die Lippen der Kulturredakteurin – zu ärgerlich aber auch, dass ihre Kultursendung immer fünf Minuten vor der vollen Stunde kommt, warum kann sie nicht mal fünf Minuten danach kommen, hrrrgl. Dann die Nachrichten! Punkt 13 Uhr! Der Nachrichtensprecher informiert direkt life: “Es liegt uns noch keine Eilmeldung vor!” (Um 13 Uhr wird nämlich in Stockholm erst die Tür geöffnet, da ist noch nix gesprochen). Na gut. Also erstmal eine andere Meldung! Dann noch eine! Aber da kommt sie, die Eilmeldung: Heraus damit, sofort, Radiohörer wollen immer ganz aktuell informiert werden, bestimmt schalten sie schon unablässig zwischen dreißig Sendern hin und her, weil sie es nicht mehr erwarten können! Nicht auszudenken, wenn’s woanders schon zuerst zu hören wär; die aktuelle Meldung wird also mitten im Satz unterbrochen – für: Herta Müller!

Herta Müller.

Während das Reporterherz jubelnd über die Ziellinie taumelt, schlägt das Sportlerherz auf, und zwar den Boden. Herta Müller, eine tolle Wahl, ganz sicher. Bloß ist das schon wieder eine, die man nicht kennt! Aus sportlicher Sicht heißt das: wieder verloren! Wieder dieses miese Gefühl, eine dumpfbackige Bildungslusche zu sein, und wenn man mal was liest, dann ist es nie von einem Autor, der danach den Nobelpreis gewinnt! Menno.

Zum Glück gibt es am nächsten Tag den Friedensnobelpreis. Der dient nicht nur dem Welt- sondern erst recht dem inneren Frieden. Den Preisträger kennt nämlich wirklich jeder: Barack Obama. Deshalb gibt es auch so viel Gemecker – endlich können alle mal mitreden.

Bücher sind toll. Auch für Heimwerking

Neulich klingelte der Postbote und brachte mir fünf Bücher, die ich nicht bestellt hatte. Ich nahm sie trotzdem, denn ich habe sie selbst geschrieben. Nehme ich jedenfalls an. Es sind koreanische Bücher, mit koreanischen Schriftzeichen, die ich nicht entziffern kann. Ganz oben links steht „I enjoy working alone”, woraus ich schließe, dass es sich um übersetzte Exemplare meines Werkes „Kollege Ich. Die Kunst, allein zu arbeiten” handelt. Nachdem ich innerlich den Hut gezogen hatte vor der Weltoffenheit des koreanischen Publikums (ich habe umgekehrt leider noch nichts Koreanisches gelesen), fragte ich mich, wohin jetzt damit?

Das für Bücher vorgesehene Regal war voll. Ein Buch ging schon noch irgendwo rein, aber fünf? Verschenken schied auch aus, weil ich keinen kenne, der koreanisch kann. Ich zog schon ernsthaft die blaue Tonne im Hof als geeigneten Aufbewahrungsort in Betracht – da rollte mir mein Lieblings-Kugelschreiber unter das Sofa. Das war gut!

Unter dem Sofa nämlich stieß ich auf einen ganzen Stapel alter Bücher. Kein Zeugnis von Schlamperei, sondern Einfallsreichtum vergangener Tage: Der Stapel bewahrte das Sofa davor, in der Mitte durchzubrechen. Schlagartig fiel mir wieder ein, wie nützlich Bücher für des Heimwerkens unkundige Heimwerker sind.

Bücher sind biegsam und zugleich stabil, es gibt sie in unzähligen Längen, Breiten und Stärken. Sie müssen nicht zurechtgesägt werden, sie splittern nicht, und sie kosten nichts. Weil man sie ja schon hat.

Die koreanischen Bücher klemmen jetzt zwischen dem Pfosten eines Bettes und einer Wand und verhindern das Weiterrutschen dieses Bettes im Zimmer auf glattem Boden. Andere Bücher bewahren Fenster und Türen vor dem Zuschlagen bei Durchzug. Leporellos geben eine prima Umrandung für einen Spielzeugzoo her, so spart man sich das zeitraubende Bauen aus Lego oder Klötzen. Schenkt den Kindern Leporellos, Leute! Man kann mit Büchern auch Rampen für Spielzeugautos machen, kippelnde Tische stabilisieren, Laptops schräg stellen, Stühle erhöhen oder Podeste bauen. (Bloß falls sich jemand in der Bildungsdebatte über die Vorzüge des Buches engagieren möchte.)

Im Bücherregal sind jetzt wieder große Lücken. Bücherstützen wären jetzt gut, aber klar: Bücher stützen, das geht natürlich auch mit Büchern!

Ein tolles Wort: Prokrastidingsda

Ich prokrastiniere. Sprechen Sie das mal: „Ich proka…

prokratz…

po…kratz…” – Äh, nun ja, auch so kann man sich beschäftigen, wenn man gerade etwas vor sich herschiebt. Doch zum Glück kommt der Begriff „prokrastinieren” nicht von diesem uneleganten Zeitvertreib, sondern aus dem Englischen (sagt da noch jemand was gegen Anglizismen?). Es ist das derzeit angesagte Fremdwort für die leidige Angewohnheit, Dinge aufzuschieben. Wenn man es auszusprechen schafft, klingt „prokrastinieren” deutlich cooler als „Ich trödel rum”, oder „Ich drücke mich mal wieder”.

Es ist ein tolles Wort, noch toller, als man erst denkt, und zwar gerade weil es so schwer auszusprechen ist. Wenn es nämlich dann mal jemand fehlerfrei über die Lippen bringt -

„Was machst du grade?” – „Ich prokrastiniere”

- dann klingt das doch sowas von souverän und gekonnt. Da hat jemand sein Leben im Griff, zweifellos.

Die Sache mit den falschen Wörtern

„Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen”, schrieb Mark Twain. Das war ein toller Tipp!

Falsche Wörter erkennen wir daran, dass sie überflüssig sind. Streichen wir sie, wird der Satz schöner und klarer, ohne sich inhaltlich zu verändern.

Zum Beispiel so ein Satz:

Die erforderlichen strukturellen und organisatorischen Kapazitäten des Projekts hätten bei weitem die vorhandenen Voraussetzungen überschritten.

Wenn wir da alle überflüssigen Wörter weglassen, dann sieht der Satz so aus:

Das Projekt war zu groß.

Schön, oder?

Leider wird  Schönheit oft nicht erkannt. „So kann man das doch nicht schreiben!” entsetzt sich der Vorgesetzte, wenn er die schlanke Fassung seines Ursprungssatzes liest.

Huch?

„Also, das klingt überhaupt nicht professionell. Ich zeige Ihnen mal, wie man das macht!”, sagt der Chef und schreibt alle falschen Wörter wieder hin.

Aber während er noch den Kopf schüttelt über diese Mitarbeiter, mit denen er geschlagen ist, pocht in seinem Inneren sein gutes, warmes Herz. Da muss ich doch helfen, denkt er, und beschließt, seinen Leuten mal wieder eine Weiterbildung zu spendieren. Einen Schreibkurs.

Und was lernen seine Leute da? Richtig: Lasst die falschen Wörter weg.

Nur ganz kurz

„Nur mal kurz, eigentlich hab ich ja grad gar keine Zeit, mich damit zu befassen…” Lange Zeit glaubte ich: So leitet ein Genie seine Diskussionsbeiträge ein. Obwohl es so viel anderes zu tun hat, schafft es noch, seine Gedanken zu meinem Problem zu äußern. Und überhaupt einen Gedanken dazu zu fassen!, dachte ich, tief beeindruckt. Da war ich noch sehr jung.

Später fand ich es einfach nett, wenn sich jemand trotz Zeitnot noch die Mühe machte, etwas zu einem anderen Thema beizusteuern. Jetzt war ich schon alt genug, um zu bemerken, dass die schnell erzeugten Gedankenblitze hinsichtlich ihres geistigen Gehalts zuweilen etwas zu wünschen ließen. Doch übte ich mich in Toleranz: Will man etwa auf die Goldwaage legen, was jemand zwischen Tür und Angel von sich gibt?

Aktuell befinde ich mich in einer Phase voller Kritikfreude. Sie beeinträchtigt leider meine Toleranz. Dafür habe ich nun unterhalb des fraglichen Satzes eine zweite Sinnebene entdeckt. Da lese ich: „Hallo, hab grad gar keine Zeit, deshalb kann ich auch nur unüberlegte Schnellschüsse von mir geben. Nagelt mich also nicht fest auf den Schwachsinn, den ich grade absondere. Bin eigentlich viel schlauer, ganz bestimmt! Verplane mich aber vorsichtshalber immer im Übermaß, damit ich überall nur Schnellschüsse von mir zu geben brauche und man nicht überprüfen kann, ob ich mich überhaupt mit irgendwas richtig auskenne.”

Was werde ich zu diesem Satz denken, wenn mich eines Tages die Altersmilde überfällt? Habe ich dann noch Lust, etwas zu denken? – Hm, leider kann ich dazu jetzt nicht mehr schreiben. Hab nämlich eigentlich grade gar keine Zeit, mich damit zu befassen…

Bei der Wahl eines Vornamens

… kann man gar nicht weitsichtig genug vorgehen.

Bisher dachten Eltern ja schon daran, dass ihre Kinder vielleicht schreibfaul sein könnten und deshalb ein kurzer Name gut sei; dass die Kinder nicht gehänselt werden sollten von den Mitschülern, und wie unglücklich man selber als Kind mit dem eigenen Namen war.

Aber die Kindheit ist nur kurz!

Lange dagegen währt das Erwachsenenleben, und da sitzt man als Benannter und schlägt sich mit Aspekten seines Namens herum, an die keiner gedacht hat: zum Beispiel mit dem Zehnfingersystem.

Das Zehnfingersystem benutzt, wer mit allen zehn Fingern auf der Computertastatur tippt, im Gegensatz zum Zweifingersuchsystem (das merkwürdigerweise häufig schneller geht, aber das gehört jetzt nicht hier her). Wer mit zehn Fingern tippt, deckt mit jedem Finger bestimmte Buchstaben ab. Leider sind aber die Finger weder gleich stark, noch gleich lang. So kommt es, dass manche Buchstaben schwerer zu erreichen sind als andere.

Keine Probleme bereiten etwa das “t” und das “r”, sie liegen oben in der Mitte und können gut vom Zeigefinger getroffen werden. Höchst unangenehm zu tippen sind dagegen “q”, “p”, “ü”, “y”, für die sich die kleinen Finger in ungewohnte Richtungen strecken müssen.

So gesehen könnten Namen wie Georg, Hans oder Otto ihren erwachsenen Trägern viel Freude im Alltag bereiten, wenn Männer denn das Zehnfingersystem anwenden würden. Aber ich kenne keinen einzigen. Nehmen wir also Helga, Anna, Jasmin, Helen, Gabi (nicht sooo cool mit “i”, aber ein “y” wäre ein echter Fingerbrecher!) als Beispiele, die einfach und schnell zu tippen sind.

Auch mein Name “Gudrun” entspricht voll den Anforderungen des Zehnfingersystems. Allerdings: Da bei “Gudrun” nur starke, schnelle Finger im Einsatz sind, gleicht das Tippen dieses Namens einem olympischen Wettkampf der Besten. Und in einem Wettkampf ist ja mal dieser oder jener vorne. Bei mir gilt das für die beiden Zeigefinger, und leider, leider, ist genau der falsche Zeigefinger der schnellere. Also schreibe ich meinen Namen immer, wirklich immer so: “Gudurn”.

Unter jeder Mail, die ich verfasse, steht erstmal “Gudurn”.
Unter  j e d e r ! Das heißt, ich muss meinen Namen immer zweimal schreiben. “Gudurn”. Löschen. Nochmal, langsamer: “Gudrun”.

Das ist zum Heulen, und dass mit dem Alter nicht etwa alle meine Finger langsamer werden, sondern offenbar nur der linke Zeigefinger, der, der nicht schnell genug das “r” dazwischen haut, bevor der rechte schon wieder mit dem “u” zuschlägt, macht es auch nicht besser.

Das sind die wirklich wesentlichen Probleme im Leben, die man seinen Kindern ersparen könnte, wenn man wirklich gründlich überlegen würde – ups, drei Worte hintereinander mit “ü”, wie müüüühsam.