In der Bibliothek

Ich wusste gar nicht, dass Karl Marx noch lebt, aber ich habe ihn gesehen! Wirklich! Ein Mann um die 70, mit schulterlangen weißen Haaren und einem ebenso langen weißen Bart. Falls ihn jemand sprechen möchte, kann ich einen Tipp geben, in welcher Berliner Bibliothek er eventuell anzutreffen ist. Da habe ich mich nämlich heute mit einer geschätzten Kollegin zwecks Tapetenwechsel zum Schreiben im Lesesaal getroffen.

Das Publikum in dieser Bibliothek bot eine nette Abwechslung zu den Freelancern, auf die man sonst in den Coworking-Spaces trifft. Ich hatte hauptsächlich Studierende erwartet, und ein paar gab es auch. Aber eben auch den besagten Karl Marx und noch eine ganze Reihe weiterer älterer Herren. Es war keine wissenschaftliche Bibliothek, vermutlich haben sie sich also irgendwelchen Privatinteressen gewidmet? Seltsamerweise war von der Generation 60+ nur die männliche Seite vertreten. Gucken Frauen lieber Fernsehen? Oder waren sie alle schon mit den Vorbereitungen für Demos oder Partys des morgigen internationalen Frauentages beschäftigt?

Schräg gegenüber saß ein junger Mann, der scheinbar ruhig las, aber unter dem Tisch so heftig mit dem linken Bein vibrierte, dass ich mir fast Sorgen um seinen Stuhl machte. Drei Tische weiter nutzte eine junge Frau ihren Bücherstapel, um den Kopf darauf abzulegen und ein Mittagsschläfchen zu halten. Am Nachbartisch setzten sich zwei sehr junge Frauen nebeneinander, die unentwegt flüsterten und kicherten. Erst wollte ich mit ihnen meckern, aber dann sah ich an einer Säule einen Automaten, der Ohrstöpsel spuckte, und da musste ich selber auch kichern. „Entspann dich“, sagte ich zu mir, stützte in Ermanglung eines Bücherstapels meinen Kopf in die Hand und ließ mich in einen schönen Schlaf sinken.

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