Leseförderung

Nicht nur Kinder, auch Erwachsene lesen zu wenig!

Häufig höre ich in letzter Zeit von den über 50-Jährigen, sie fänden „irgendwie“ keine guten Bücher mehr. In ihrer Jugend war das natürlich ganz anders, da haben sie Bücher nur so verschlungen! (Damals hatten die Tage 60 Stunden. Deshalb konnte man dauernd lesen und schaffte es trotzdem, viel zu arbeiten, wilde Orgien zu feiern und in der Natur zu sein. Und man hatte immer noch Zeit zum Ausruhen übrig. Ja, das waren noch Zeiten.)  Ich weiß allerdings nicht, ob die über 50-Jährigen die guten Bücher nicht finden, weil es heutzutage keine guten Bücher mehr gibt und sie sowieso durch die Lektüreexzesse ihrer Jugend noch so übersättigt sind. Oder ob sie die guten Bücher nicht finden, weil sie vergessen haben, wo sie sie hingelegt haben, ein Schicksal, das ihre Brille mit den Büchern teilt, was die Chancen auf Wiederauffindung auf den Nullpunkt senkt?

Bei Menschen unter 50 ist die Sache klarer, wie ich selbst bestätigen kann: Sie pausieren lesemäßig ein Jahrzehnt, weil sie sehr schlecht sehen, aber keine Brille tragen wollen.

Menschen unter 40 könnten ihre Bücher finden, könnten auch die Buchstaben entziffern und kennen noch nicht alles. Leider haben sie keine Zeit zum Lesen, weil sie Karriere machen oder Kinder betreuen, was zu grässlichen Anspannungen führt.

Und die unter 30-Jährigen – ach, die jungen Leute, das wissen wir, lesen ja sowieso gar nichts mehr.

Ausbaden müssen das die Allerkleinsten, Zielgruppe von Heerscharen von Vorlesern, die, bewaffnet mit Büchern, ihre Schulen und Kindergärten stürmen auf der Suche nach leuchtenden Augen und Nahrung für ihre Hoffnung, das Abendland doch noch retten zu können. Wenn man ihnen jetzt vorliest, den Kleinen, dann lesen sie bestimmt auch ganz viel, wenn sie groß sind! Sieht man ja an sich selbst, nicht wahr.

Kürzlich habe ich zu dieser Form der Leseförderung eine Alternative entdeckt, die unglaublich wirksam ist: Reden! Vorträge halten, referieren, ellenlange Statements absondern, mit möglichst viel Akribie und Detailversessenheit Sachverhalte darstellen, zu denen freiwillig niemand jemals eine Frage gestellt hätte. Je länger, desto besser!

Man kann dem solchermaßen wehrlos ausgelieferten Publikum nämlich nun jedes beliebige Texterzeugnis austeilen: Es wird es lesen! Von der Packungsbeilage der Kopfschmerztabletten über den Fahrzeugschein, die eigene Visitenkarte, den Kassenbon aus der Postfiliale und den Flyer zur Organspende bis zum Programmheft der Veranstaltung gibt es nichts, was die Leute in so einer Situation nicht verschlingen, mit oder ohne Brille, mit tränenden Augen, mit zusammengekniffenen Augen, mit lang ausgestreckten Armen, mit ausgeliehener Brille des Sitznachbarn – egal. Hauptsache, der Monotonie des Vortrags entkommen! Hauptsache, irgendwie senkrecht bleiben!

Man muss ihnen doch mal danken, den Langweilern unter den Rednern, sie leisten doch was. Nur eben im Verborgenen.

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