Rettet den Zettel!

Auch wenn oft und gern über den Verfall unserer Sprachkultur gejammert wird: Die Schriftlichkeit erlebt ein goldenes Zeitalter. Nie war so viel Schrift wie heute. Jeder schreibt. Selbst Menschen, die früher lieber grunzten, bloggen, mailen, posten, twittern, smsen heute. Jede kleine Äußerung, sei sie noch so unbedeutend, wird getippt. Größere (nicht gleichzusetzen mit bedeutendere) Äußerungen landen auf Webseiten, Flyern, in Newslettern, in Hochglanzmagazinen. Seit Texte dank der Digitalisierung aufwandsarm veröffentlicht werden können, ist ihrer Flut kein Einhalt mehr zu bieten.

Bloß einer bleibt dabei auf der Strecke: der Zettel. Wer das nicht glaubt, gebe einmal einer beliebigen Anzahl Kinder ein Blatt Papier für die Eltern mit, deren untere Hälfte per Abtrennung in einen Zettel zu verwandeln und zurückzugeben ist, versehen mit Auskünften wie: „Mein Kind kann in den Herbstferien zum Training kommen“ oder „Mein Kind nimmt am Ferienlager teil und bringt einen Bademantel mit“ oder „Mein Kind bestellt Erdbeermilch“. Egal, wie viele Schriftstücke dieser Art verteilt werden: Höchstens ein Drittel der erwarteten Zettel kommt zurück. Die anderen Zettel kann man entweder am Ende des Schuljahres als verklebte weißliche Masse vom Boden des Schulrucksacks abkratzen. Oder sie finden sich beim Auszug aus der Wohnung hinter dem Kühlschrank. Einige verdrücken sich ungesehen ins Altpapier. Die restlichen Zettel werden zwar ordentlich und sichtbar auf dem Tisch an der für zu Erledigendes vorgesehen Stelle abgelegt. Doch bleiben sie dort liegen. Entweder, weil ihre Adressaten ihren Plan „Ich setz mich heute abend hin und versuche, diese umständlich formulierten Anweisungen in der Sprache, die nicht meine ist, zu verstehen“, zu lange aufschieben. Oder weil sie zu lange mit der Frage ringen: „Soll ich den Zettel wirklich abgeben? Ist das nicht völlig uncool? Keiner gibt doch diese Zettel ab.“

Zugegeben, solange es um Erdbeermilch und Bademäntel geht, ist es von begrenzter Tragik, wenn Zettel ignoriert werden. Anstrengender wird es, wenn die Sprösslinge mit vollgepackten Schultaschen statt leichtem Rucksack zum Wandertag aufbrechen, ohne Schwimmzeug ins Hallenbad gehen, oder wenn morgens um 8.10 Uhr hysterische Eltern anrufen: „Wusstest du, dass heute die Schule zu ist? Kann Finn-Frederik vielleicht heute zu euch…?“

Leichtfertige Gemüter mögen weiterschmunzeln, doch über das Schicksal verschlafener Schulkinder und schusseliger Eltern hinaus kann auch mal das Schicksal eines ganzen Landes auf einem Zettel stehen.

Oder war es etwa nicht ein Z e t t e l, was Günter Schabowski auf jener legendären Pressekonferenz am 9. November 1989 aus der Tasche zog? Und wovon er etwas ablas, was weder er selbst noch sonst jemand verstand, was aber Stunden später ein paar Journalisten im Westfernsehen inspirierte, zu beschließen und verkünden, die Mauer sei jetzt auf?

Und bitte jetzt nicht mit „Ausnahme“ kommen. Sommer 2006, Olympiastadion Berlin, sage ich nur. Wieder lenkte ein Z e t t e l das Schicksal unserer Nation. Diesmal war es Jens Lehmann, der ihn aus dem Stutzen zog und las. Offensichtlich verstand er ihn, denn er hielt anschließend zwei Elfmeter gegen Argentinien, was uns den Einzug ins Halbfinale der Fußballweltmeisterschaft brachte.

Also bitte: Rettet den Zettel! Man weiß nie.