Nur ganz kurz

„Nur mal kurz, eigentlich hab ich ja grad gar keine Zeit, mich damit zu befassen…“ Lange Zeit glaubte ich: So leitet ein Genie seine Diskussionsbeiträge ein. Obwohl es so viel anderes zu tun hat, schafft es noch, seine Gedanken zu meinem Problem zu äußern. Und überhaupt einen Gedanken dazu zu fassen!, dachte ich, tief beeindruckt. Da war ich noch sehr jung.

Später fand ich es einfach nett, wenn sich jemand trotz Zeitnot noch die Mühe machte, etwas zu einem anderen Thema beizusteuern. Jetzt war ich schon alt genug, um zu bemerken, dass die schnell erzeugten Gedankenblitze hinsichtlich ihres geistigen Gehalts zuweilen etwas zu wünschen ließen. Doch übte ich mich in Toleranz: Will man etwa auf die Goldwaage legen, was jemand zwischen Tür und Angel von sich gibt?

Aktuell befinde ich mich in einer Phase voller Kritikfreude. Sie beeinträchtigt leider meine Toleranz. Dafür habe ich nun unterhalb des fraglichen Satzes eine zweite Sinnebene entdeckt. Da lese ich: „Hallo, hab grad gar keine Zeit, deshalb kann ich auch nur unüberlegte Schnellschüsse von mir geben. Nagelt mich also nicht fest auf den Schwachsinn, den ich grade absondere. Bin eigentlich viel schlauer, ganz bestimmt! Verplane mich aber vorsichtshalber immer im Übermaß, damit ich überall nur Schnellschüsse von mir zu geben brauche und man nicht überprüfen kann, ob ich mich überhaupt mit irgendwas richtig auskenne.“

Was werde ich zu diesem Satz denken, wenn mich eines Tages die Altersmilde überfällt? Habe ich dann noch Lust, etwas zu denken? – Hm, leider kann ich dazu jetzt nicht mehr schreiben. Hab nämlich eigentlich grade gar keine Zeit, mich damit zu befassen…

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